Mit großer Freude hoben die Kinder gemeinsam mit Landesbischof Ralf Meister den Bischofstab zu der Liedzeile „Einfach spitze, du guter Hirte“ mehrmals in die Höhe Foto: tw
CUXHAVEN tw ∙ „Was für ein besonderer Morgen.“ Superintendentin Kerstin Tiemann zeigte sich begeistert, angesichts eines Sonntagvormittags, an dem an 500 Jahre „Reformation von unten“ im Land Hadeln erinnert wurde. Und das „in einer alten Kirche, die doch so lebendig ist“, und bezog sich dabei auf die St. Nicolai-Kirche in Altenbruch, in dem der Reformationsgottesdienst unter dem Motto „Der gute Hirte“ gefeiert wurde. Ein Gottesdienst, zu dem Altenbruchs Pastor Erik Neumann auch den katholischen Dechanten Christian Piegenschke und den Bischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, Ralf Meister, begrüßen konnte.
Es wurde ein Vormittag, an dem nicht nur die Reformation, sondern auch die Kinder im Mittelpunkt standen, gestalteten doch Altenbrucher Grundschüler nicht nur einen Teil des Gottesdienstes, sondern auch – unter Leitung von Petra und Thomas Sassen – ein Kunstwerk aus über 120 Kacheln, das als guten Hirten den Vikar Johann Brandes zeigt. Dieser stellte sich vor 500 Jahren zusammen mit den Altenbruchern gegen den damaligen Erzbischof von Bremen, der mit seinem Söldnerherr zum Plündern ins Hadelner Land kam, anstatt sich als guter Hirte zu erweisen.
Am vergangenen Sonntag wurde das Kunstwerk nach dem Gottesdienst vor der Kirche von den Kindern im Beisein von Bischof Ralf Meister enthüllt. Dieser hatte zum Gottesdienst etwas ganz Besonderes mitgebracht – einen silbernen, über 300 Jahre alten Bischofsstab. Eigentlich hochgesichert in einem Schrank im Kloster Loccum liegend, hatte er ihn jetzt extra hervorgeholt, damit die Mädchen und Jungen ihn einmal selbst in die Hand nehmen konnten. Zur Liedzeile „Einfach spitze, du guter Hirte“ führten sie mit dem Bischof zudem einen kleinen Tanz auf, und hoben gemeinsam lachend den Stab immer wieder in die Höhe.
Meister selbst hält nicht viel von den Insignien der Macht wie Mitra oder Bischofsstab, wie er in seiner anschließenden Predigt deutlich machte. „Mein Hirtenstab ist mir eine gute Erinnerung. Hüte dich Ralf, dich über die Menschen zu stellen. Und deshalb drehe ich das Bild für mich um: Hirtinnen und Hirten sind für mich Kinder.“ Deshalb hatte er auch kein Problem damit, ihnen den Stab vertrauensvoll in die Hände zu legen, damit sie diesen nach ihrem Auftritt in der Kirche im Gemeindehaus näher erkunden konnten.
Der 23. Psalm „Der Herr ist mein Hirte“ stand auch im Mittelpunkt der Predigt von Ralf Meister. „Ein Text, der uns durch Jahrzehnte unseres Lebens begleitet.“ Ebenso wie der Pastor, ist dies doch das lateinische Wort für Hirte. Auch der Bischof sei damit gemeint. Manchmal lese er mit Befremden, dass er selbst als Oberhirte bezeichnet werde. „Das ist dummes Zeug“, sagte er, male es doch ein Bild von oben und unten.
„Wir wissen von der hohen Verantwortung“, sagte er, doch es habe Pastoren gegeben, die diese Verantwortung missbraucht und Leid zugefügt hätten – an Kindern und Jugendlichen, an Frauen und Männern, sagte er mit Blick auf sexualisierte Gewalt durch Mitarbeiter der evangelischen Kirche. „Es gab und gibt Situationen, in denen Schuld nicht klar benannt wurde, in denen Täter geschützt und Betroffene nicht gehört wurden. Wenn wir heute vom guten Hirten sprechen, dann können wir das nicht mehr naiv tun. Wir tun es im Wissen um diese Schuld“, sagte er.
Ein selbstkritischer Blick, den auch Martin Luther schon vor über 500 Jahren benannte und die kritisierte, die aus ihrem Amt Gewinn schlagen wollten oder dieses als Machtposition verstanden.
Ausgangspunkt auch der „Reformation von unten“ vor 500 Jahren im Hadler Land. Und der Mut der damaligen Menschen, die es wagten, sich mit den Worten „Ein Hirte, der seine Herde nicht schützt, ist kein guter Hirte“ gegen den Bremer Bischof zu stellen, sei auch heute „eine Botschaft für alle Christen, in einer Welt, die oft so mut- und hoffnungslos ist.“
„Unsere Welt fühlt sich oft an wie eine Herde Heidschnucken. Laut und unübersichtlich“, sagte er in Anspielung auf seine Kindheit im Wald am Rand der Fischbeker Heide im Süden Hamburgs, und der Heidschnuckenherde, die mehrmals im Jahr am Haus vorbeizog, mit einem Schäfer der ruhig und wach seine Schafe begleitetet. Ein Bild, das schon in seiner Kindheit seine Vorstellung vom guten Hirten festigte. „Die Frage ist nicht nur: Wer führt? Sondern auch: Wer schaut hin? Wer bleibt? Wer kümmert sich, dass niemand verloren geht?“, betonte er. „Es geht nicht, darauf zu warten, dass ‚die da oben‘ es regeln. Vor 500 Jahren hatten Menschen hier diesen Mut. Pflegen Sie dieses Revoluzzer-Gen in Ihrer Gemeinde! Es geht nicht um Rebellion, sondern um Haltung.“