Ein Wiedersehen mit der Stadtschreiberin 2019: Claudia Neumann, Kulturbüro Otterndorf, Kerstin Winz von „Ich bin die Bibliothek“, Ratsmitglied Ursula Holthausen, Schriftstellerin Marie-Alice Schultz, Julia Heuer vom Kulturbüro und Stadtdirektor Frank Thielebeule Foto: hgi
OTTERNDORF hgi ∙ Sechs Jahre nach ihrem Aufenthalt als Stadtschreiberin ist die Hamburger Schriftstellerin, Künstlerin und Performerin Marie-Alice Schultz nach Otterndorf zurückgekehrt. In der Stadtbibliothek stellte sie neue Arbeiten vor und gab emotionale Einblicke in ihr aktuelles Buchprojekt „An den Kragen“.
Ursula Holthausen, Mitglied des Kulturausschusses, erinnerte zur Begrüßung an das Jahr 2019, als Schultz in Otterndorf wirkte. Schon damals hatte sie mit ungewöhnlichen Ideen überrascht – etwa mit einem literarischen Tauschprojekt, bei dem Pflanzen gegen Schreibmaschinenzeilen den Besitzer wechselten. Nun wollten die Besucher wissen, was sich seither entwickelt hat.
Ein bilderreicher Rückblick zeigte Arbeiten aus den vergangenen Jahren. Viele davon entstanden vor Abrisshäusern: Hüte, auffällige Kragen und Textilgewebe mit eingearbeiteten Schriftelementen. Immer wieder tauchte dabei ein Motiv auf – das Loch. „Was ist ein schwarzes Loch?“, fragte Schultz und verwies auf eine zehn Meter lange Rolle Textgewebe, die sich mit diesem Thema auseinandersetzt.
Auch während der Corona-Pandemie blieb sie künstlerisch aktiv. Gemeinsam mit sieben weiteren Künstlern entwickelte sie einen Parcours im Hamburger Park „Planten und Blomen“. Eine Bühnenbildnerin verband verschiedene Orte miteinander, Fassaden wurden zu Kulissen, ein Parkhaus zum Bühnenbild. Zwischen 2019 und heute ist so ein vielgestaltiges Werk entstanden.
„Kunst ist schön, soll aber möglichst nichts kosten“, zitierte Schultz augenzwinkernd eine verbreitete Haltung. Inzwischen unterrichtet sie Kunst an einem Gymnasium. Die neue Aufgabe bringe Struktur, lasse aber weniger Freiraum für das Schreiben. „Die Schule ist ein Leben, in dem ich den stündlichen Ablauf nicht allein entscheide. Ein seriöses Leben – ich weiß noch nicht, ob es mein eigenes ist“, sagte sie offen. Es sei eine Option, Geld zu verdienen – „aber nicht für immer“.
Ihr Buch „An den Kragen“ umfasst derzeit rund 170 Seiten. Einige Passagen stellte sie dem Publikum vor. „Meine Texte sind fiktiv, enthalten aber viel Wahres“, erklärte sie. Im Mittelpunkt steht unter anderem ihre Großmutter Ludmilla – eine Figur zwischen Erinnerung und literarischer Gestaltung. In einer Szene sitzen die Enkelkinder am runden Tisch und essen Leberwurstbrote, während die Großmutter ein Bein über den Tisch streckt – „Tänzerinnenbeine“. Für einen Moment wird das Wohnzimmer zur Bühne, das Alltägliche verwandelt sich ins Theatralische. Eine andere Episode führt in ein Wiener Krankenhaus, in dem die Großmutter gearbeitet haben soll. Bei einer Visite stehen acht Männer in einer Reihe und sollen sich entkleiden. Die junge Frau ist überfordert, fällt in Ohnmacht. Der spöttische Kommentar eines Arztes bleibt ebenso im Raum wie die nüchterne Entscheidung einer Ärztin: „Sie fallen, Sie bleiben.“ Zwischen Ernst und Absurdität, Recherche und Imagination entfaltet Schultz ihre Familiengeschichte.
Für ihre Arbeit sichtete sie im Wiener Landesarchiv alte Dokumente – Arbeitsverträge, Führungszeugnisse, Unterlagen aus Kanzlei- und Kriegszeiten. „Die Tinte der Unterschrift ist über 80 Jahre alt“, sagte sie. Solche Funde seien Grundlage ihres Schreibens. „Es lässt sich nur so schreiben – mit einem Stipendium. Ich erträume Kapitel.“
Mit ihrer Lesung gewährte Marie-Alice Schultz nicht nur Einblicke in ein entstehendes Buch, sondern auch in ihren künstlerischen Prozess zwischen Bildender Kunst, Unterricht und Literatur. Die Neugier auf „An den Kragen“ jedenfalls ist geweckt.