Mit ihrer szenischen Lesung unter ihrem Künstlernamen Vigli (die Abkürzung für Verena Iris Gisela Liebers) begeisterte Verena Liebers das Publikum Foto: tw
OTTERNDORF tw ∙ „‚Und, welche Zeit hast du dir so vorgenommen?‘ „Drei Stunden, fünf Minuten“, hörte ich mich sagen, und ein leises Stimmchen in meinem Bauch flüsterte: ‚Aber die drei Stunden kannst du vielleicht auch knacken.“ „Vielleicht“, antwortete ich noch leiser, denn eigentlich wollte ich das selbst nicht hören.“
Unter dem Titel „Klang der Schritte. Begegnungen zwischen Hünengrab und Marathon“, entführte Dr. Verena Liebers die Besucher ihrer szenischen Lesung Ende Oktober in der Stadtscheune in bekannte und unbekannte Welten. Je nachdem ob man selbst zur Art begeisterter Läufer und Triathlet oder eher in Richtung „Couchpotato“ tendiert. Mal amüsant und rasant, wie in ihrem Buch „Trasse ist Klasse“, in dem sie vom „Abenteuer vor der Haustür zu laufen“ erzählt (und aus dem das Anfangszitat stammt), mal nachdenklich und berührend, wie im Buch „Klang der Schritte“ in dem der Verlust einer guten Freundin den Studenten Benno aus der Bahn wirft und er im Marathontraining neue Orientierung findet, und dabei in der Stader Geest bei einem Hünengrab, ein lang gehütetes Geheimnis erfährt.
Im 625-jährigen Jubiläumsjahr der Stadt Otterndorf war Verena Liebers die fünfte im Reigen der diesjährigen Stadtschreiber und hatte den regnerischen Monat Oktober abbekommen. Auch wenn sie sich einen goldenen gewünscht hatte – für die passionierte Läuferin kein Problem. Denn drin zu bleiben ist für sie keine Alternative. Ist Laufen doch ihr Lebenselixier, die Begegnungen und Landschaften Inspiration für ihre Romane, Gedichte und Erzählungen.
Die Wissenschaftlerin und Autorin war vor 20 Jahren das erste Mal in Otterndorf. Damals bezog sie das Gartenhaus am Süderwall als Stadtschreiberin für fünf Monate. Und wurde in dieser Zeit schnell ein bekanntes Gesicht in der Stadt; nicht nur wegen ihrer Lesungen und weiterer künstlerischer Aktivitäten. Traf man sie doch häufig – wie auch in diesem Jahr – laufend in der Stadt, dem Deich und umzu. Begegnungen, bei denen sie einem fast beiläufig erzählt, dass sie gerade 30 Kilometer zurückgelegt hat, wie sich die stellvertretende Bürgermeisterin Ursula Holthausen in ihrer Begrüßung an eine Begegnung mit Liebers auf dem Deich erinnerte.
Für Liebers selbst war vor 20 Jahren die erste Begegnung mit der Stadt Otterndorf ein bisschen furchteinflößend, ging es doch darum, die Jury als eine von fünf Auserwählten von ihrer Arbeit zu überzeugen. „Wir sind gar nicht so schlimm“, verstand es der damalige Kulturausschussvorsitzende Hans-Volker Feldmann sie zu beruhigen. Und was sie an der Situation besonders beeindruckte: „Sie haben Fragen gestellt, an denen ich gemerkt habe, dass sie mein Buch wirklich gelesen haben.“ Eine Begegnung, die die Jury überzeugte, sie als Stadtschreiberin auszuwählen und sie auch im diesjährigen Jubiläumsjahr wieder einzuladen.
Sie kam gerne wieder ins Gartenhaus zurück, mit acht weiteren Büchern, rund 15 Auszeichnungen mehr und vielen sportlichen Erinnerungen im Gepäck, die sie in den letzten 20 Jahren im Nordseebad gesammelt hat. Ist sie doch für jeden Volkstriathlon in dieser Zeit wieder gekommen, und auch für so manchen Gezeitenlauf und Küstenmarathon.
Und natürlich mit guten Erinnerungen an die Stadtschreiberzeit. Vor allem da das Stadtschreiberstipendium ein „Stipendium im wahrsten Sinne ist, bei dem man fünf Monate Zeit hat, an seiner Kunst zu arbeiten. Deswegen bin ich sehr glücklich, dass ich wieder eingeladen wurde“, sagt sie und fügt hinzu: „Die Zeit hier ist Gold wert. Hier gibt es keine Realität, die einen einholt. Das weiß ich sehr zu schätzen.“ Sie sah und sieht das Stipendium aber auch als Möglichkeit, „Leute für meine Kunst zu begeistern“. Spaziergängern entlang des Gartenhauses blieb deshalb ihr Aufenthalt auch diesmal nicht verborgen. Hingen an einer Leine vor dem Gartenhaus doch kleine Textschnipsel aus ihren Werken aufgereiht wie Wäschestücke auf der Leine, mit der Einladung, sich eines mitzunehmen. Dank des doch zum Teil sehr stürmischen Wetters flog das eine oder andere Gedicht dann auch durch den Park, erzählt sie schmunzelnd. Was ihr abends zu zusätzlicher sportlicher Betätigung verhalf, um die noch nicht eingesammelten wieder einzufangen. Mit Orkan Joshua hatte sie Texte und Wäscheleine wieder rein befördert, passend zu ihrem Tag der offenen Tür bei ihr im Gartenhaus.
Dabei erfuhren die Besucher nicht nur einiges über ihr Schaffen und ihr Wirken als Stadtschreiberin, sondern auch aus ihrem Leben. Denn auch wenn sie auf ein großes literarisches Schaffen zurückblicken kann – dem in Otterndorf neue Gedichte und Arbeit am aktuellen Buch hinzugekommen sind – ist die gebürtige Berlinerin im Hauptberuf promovierte Biologin, und arbeitet seit 1990 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem Forschungsinstitut in Bochum im Bereich Immunologie. Für sie sind die Bereiche Wissenschaft und Literatur kein Widerspruch. „Mir hat schon immer beides gefallen.“ Bereits als Kind war sie begeistert von der Natur, gestaltete mit sieben Jahren ihr erstes Bilderbuch, und als 13-Jährige fragte sie sich in ihrem Tagebuch, was sie werden will: Wissenschaftlerin oder Schriftstellerin? „Für mich ist beides selbstverständlicher Teil meines Lebens.“
Was aber auch bedeutet, dass viele Projekte parallel laufen. Was den positiven Effekt hat, „dass ich eine Schreibblockade nicht kenne. Das weiße Blatt vor mir ist immer sofort voll“.
Wie für ihr eigenes Leben sind Freundschaft und Kontakt zu anderen Menschen wichtige und spannende Themen für ihre Romane. Beim Schreiben reizt sie dabei vor allem die psychologische Ausgestaltung ihrer Figuren. Wie in ihrem aktuellen Roman „Klang der Schritte“, in dem sie der Frage nachgeht, was es mit einem macht, wenn ein nahestehender Mensch stirbt.
Bevor es für sie wieder in ihre Heimatstadt Bochum zurückging, zog sie mit ihrer szenischen Lesung noch einmal das Publikum in ihren Bann. Vor allem bei der Geschichte „Die magische Drei“ aus dem Buch „Trasse ist Klasse“ über ihr Ziel den Otterndorfer Volkstriathlon unter drei Stunden zu schaffen, hielt das Publikum den Atem an und fieberte mit ihr mit, ob sie trotz der Hitze ihr Ziel erreicht.
„Kurz vor der Kuppe fing ich wieder an zu rennen, die Beine flogen bergab, vor mir tauchte die Uhr mit der Zeitnahme auf: zwei Stunden, 58 Minuten leuchtete da, und plötzlich rannte ich, lief leicht als hätte ich Flügel, spürte, wie mein Herz über mich hinaussprang, meine Lippen zu einem Lachen aufplatzten, und raste nach zwei Stunden, 58 Minuten und 33 Sekunden über die Ziellinie. Jemand hängte mir eine Medaille um, ich sagte: ‚Unter drei Stunden!‘, und der Medaillenbeauftragte antwortete: „Kann ich bitte den Transponder haben?‘“
Und in das erleichterte Aufatmen, dass sie es geschafft hat, mischte sich befreites Lachen.