Michael Hockel hat die Plattform „buchnah.de“ entwickelt Foto: WFB/Björn Hake
BREMEN re ∙ Unabhängige Buchhandlungen haben es schwer, sich gegen den Onlinehandel und große Ketten zu behaupten. Der Bremer Michael Hockel will dem Verschwinden inhabergeführter Geschäfte nicht tatenlos zusehen: Er hat eine Anwendung programmiert, die Leserinnen und Leser bundesweit gezielt zum Buchladen um die Ecke lotst.
Michael Hockel liebt Bücher, liest gerne und mag die Menschen in der Buchbranche – weil sie „aufmerksam, nett und kollegial“ seien. Der 48-Jährige gehört selbst dazu: Er betreibt die Bremer Buchhandlung Albatros. Wenn es nach ihm geht, ist er nach einigen Kurven auf dem Karriereweg beruflich angekommen. „Zumindest ist das meine Hoffnung“, sagt er. „Allerdings ist die wirtschaftliche Lage für die unabhängigen Buchhandlungen nicht gut, darum könnte es perspektivisch auch schiefgehen.“ Das will er verhindern. Nicht nur für sich, sondern für möglichst viele unabhängige inhabergeführte Buchläden.
Mehr Sichtbarkeit für unabhängigen Buchhandel
Er hat deshalb die Onlineplattform „buchnah.de“ entwickelt. „Bei Buchhandlungen kaufen, nicht bei Milliardären“: So steht es ganz oben auf der Homepage – und so bringt Michael Hockel auf den Punkt, was ihn zur Entwicklung der Plattform angetrieben hat. „Sie soll dem unabhängigen Buchhandel mehr Sichtbarkeit verschaffen, vor allem online“, erläutert er. „Wenn das gelingt, führt das idealerweise zu einer Steigerung des Umsatzes.“ Jede vierte Buchhandlung in Deutschland musste laut Statistischem Bundesamt zwischen 2018 und 2023 schließen, während sich der Markt zunehmend auf wenige große Anbieter konzentrierte. Mit seiner Initiative will der Bremer dazu beitragen, diese Entwicklung aufzuhalten.
Die Idee, eine zentrale Plattform zu entwickeln, hatte schon länger in ihm gearbeitet. Der entscheidende Impuls kam im Herbst 2025 während der jährlichen „Woche unabhängiger Buchhandlungen“. Von den Verlagen seien zu diesem Anlass viele unterstützende Botschaften für die Unabhängigen gekommen, berichtet Hockel. „In dem Zusammenhang ist mir dann wieder einmal aufgefallen, dass auf den Verlagsseiten aber nur die eigenen Bestellmöglichkeiten, die großen Ketten und ‚genialokal‘ verlinkt sind.“ Der letztgenannte Anbieter richtet sich zwar mit seinem Onlineshop ebenfalls an den unabhängigen Buchhandel, bildet ihn aber nicht vollständig ab: Denn mitmachen kann dort nur, wer den Shop eines bestimmten Großhändlers nutzt.
Auf direktem Weg zum Lieblingsbuch
Für den 48-Jährigen stellte sich die Frage: Warum gibt es eigentlich keine Plattform, die bundesweit alle Unabhängigen abbildet? Er beschloss, diese Lücke zu schließen und machte sich an die Arbeit. Innerhalb weniger Wochen entwickelte er einen Prototypen. Seit Dezember 2025 ist „buchnah.de“ online. Und so funktioniert es: Interessierte können auf der Website ihren Standort oder ihre Postleitzahl eingeben und bekommen dann eine Wegbeschreibung zur nächstgelegenen unabhängigen Buchhandlung angezeigt. Auch nach einem konkreten Buch lässt sich gezielt suchen: In dem Fall wird die nächstgelegene Buchhandlung angezeigt, die dieses Buch aktuell vorrätig hat.
Die Nachfrage steigt
Verlage haben zudem die Möglichkeit, ihre Bücher unkompliziert mit der Plattform zu verlinken und die Käuferinnen und Käufer so zum Buchladen um die Ecke zu leiten. „Davon haben sie keinen unmittelbaren Nutzen, aber auch keine Kosten“, erläutert Hockel. Die Nachfrage steige Schritt für Schritt. So hätten die renommierten Verlage Thienemann-Esslinger sowie Hanser gerade die Verlinkung freigeschaltet.
Und auch bei den Buchhandlungen werde das neue Angebot langsam bekannter. Rund 200 sind schon dabei. Die Rückmeldungen seien durchweg positiv. Die nächsten Etappenziele: „Bis Ende des Jahres möchte ich auf 500 kommen, nächstes Jahr dann auf 1.000.“ Damit wäre rund ein Drittel der unabhängigen Buchhandlungen in Deutschland mit an Bord.
Musik zum Wohlfühlen
Buchhandlungen, ähnlich vielleicht wie seine: Beim Besuch läuft im Hintergrund leise „Cosmic Dancer“ in der Version von Nick Cave. Ein Song, der ideal hierher passt: Wie der australische Kult-Musiker Cave, der sich auch als Romanautor international einen Namen gemacht hat, kann sich Hockel für gute Bücher ebenso begeistern wie für gute Musik. In einem Buchhändler-Crashkurs bekam der Quereinsteiger vor ein paar Jahren gesagt, dass Musik und Bücher nicht zusammenpassen würden. Er hörte nicht darauf. „Ich lasse hier trotzdem immer meine persönliche Playlist laufen“, sagt er. „Ich wollte mich nicht selbstständig machen, ohne Musik zu hören.“
Aus dem Cockpit in den Buchladen
Einladende Musik, ein gemütliches Sofa zum entspannten Schmökern und eine große Auswahl an spannender Lektüre: Die Albatros-Buchhandlung ist ein Ort zum Wohlfühlen. Auch für Michael Hockel, für den diese seit einigen Jahren zu einem zweiten Zuhause geworden ist. Vor knapp 30 Jahren zog der gebürtige Franke nach Bremen, um sich hier zum Piloten ausbilden zu lassen. Kurz darauf orientierte er sich um und betätigte sich zunächst als Einzelhandelskaufmann, dann als Software-Entwickler. 2022 fand er schließlich seine Berufung in der Welt der Bücher. „Ich steckte damals in einem Projekt, das mich nicht wirklich interessierte“, erinnert er sich. „So entstand die Idee, noch einmal etwas ganz anderes zu machen – und genau in dem Moment stand plötzlich meine Lieblingsbuchhandlung zum Verkauf.“
Er überlegte nicht lange und griff zu. Eine Entscheidung, die er bis heute nicht bereut. „Ich finde es einfach schön, wenn Menschen mit Wünschen zu uns kommen und sich freuen, weil wir sie meistens erfüllen können.“ Von Anfang an fühlte er sich auch in Bremen ausgesprochen wohl und wollte nie wieder zurück in den Süden ziehen.
„Bessere Empfehlungen als Algorithmen“
Momentan arbeitet der 48-Jährige komplett ehrenamtlich am Projekt „buchnah.de“. Perspektivisch benötigt er allerdings Geld für Technik, Speicherplatz, Arbeitszeit und Vermarktung. „Denkbar sind zum Beispiel Sponsorengelder oder kleinere monatliche Beträge der teilnehmenden Buchhandlungen“, meint Hockel. „Einige haben sogar schon nachgefragt, ob sie nicht endlich einen Beitrag leisten können.“ Er hofft, dass er selbst schon mit der Entwicklung seiner Plattform einen großen Beitrag für die Zukunft des unabhängigen Buchhandels geleistet hat. Und die liegt ihm sehr am Herzen: „Weil wir Kultur vermitteln, Autoren fördern und Orte der Begegnung sind. Und: Weil wir bessere Empfehlungen haben als Algorithmen.“
Anne-Katrin Wehrmann