Guido Friederich bei der abendlichen Arbeit: Im Turm von St. Nicolai hält er das rein mechanische Uhrwerk an. Die Zeitumstellung beginnt Foto: Hövelmann

CADENBERGE as ∙ Während andernorts in der Nacht vom Samstag auf Sonntag letzter Woche die Uhren automatisch auf Winterzeit umsprangen, brauchte es in Cadenberge noch einen Menschen, der selbst tätig werden musste: Es war die Stunde von Gui­do Friederich, 68 Jahre alt, Maschinenbauinge­nieur im Ruhestand und ehrenamtlicher Betreuer des his­torischen Uhrwerks von St. Nicolai.

Draußen zerrt der Sturm am Kirchturm von St. Nicolai. Drinnen knarren die alten Holzbalken, während Guido Friederich Stufe um Stufe hinaufsteigt. Es ist Samstagabend, und sein Ziel liegt hoch oben in der Turmspitze: das mechanische Uhrwerk, das seit 1900 die Zeit anzeigt. Während andernorts die Uhren automatisch auf Winterzeit umspringen, braucht es in Cadenberge noch einen Menschen, der selbst Hand anlegt.

Dass sich Guido Friederich auch nach dem Ende seiner Berufstätigkeit mit Zahnrädern, Mechanik und fein abgestimmter Technik beschäftigt, kommt nicht von ungefähr. Pastor Matthias Hövelmann hatte ihn kurz nach seinem Eintritt in den Ruhestand gefragt, ob er sich denn vorstellen könne, die Betreuung der Kirchturmuhr ehrenamtlich zu übernehmen.

„Das habe ich gerne gemacht, Feinwerktechnik ist mein Ding“, sagt Friederich. Und seitdem ist er der ehrenamtliche Kirchturmbeauftragte von St. Nicolai. Eine Aufgabe, die Fachkenntnis verlangt – und Freude an einer Technik, die auch nach mehr als einem Jahrhundert zuverlässig ihren Dienst tut.

Das Uhrwerk aus dem Jahr 1900 ist kein technisches Schaustück, das nur noch zu besonderen Gelegenheiten bestaunt wird. Es funktioniert bis heute ohne Elektronik. Zweimal in der Woche muss es von Hand aufgezogen werden. Dann sorgt die Mechanik dafür, dass die Zeiger ihren Weg über das Zifferblatt fortsetzen – Minute für Minute, Stunde um Stunde.

Auch die Umstellung auf die mitteleuropäische Normalzeit verlangt Handarbeit. Dafür wird das Uhrwerk über das Pendel angehalten. Nach einer Stunde wird es wieder in Gang gesetzt. Anschließend justiert Friederich die genaue Uhrzeit von Hand an der Zeitscheibe des Gehwerks. Was bei modernen Uhren automatisch geschieht, verlangt hier Wissen um das Zusammenspiel der Teile und ein Gespür für die Technik.

Anschließend justiert Friederich die genaue Uhrzeit von Hand an der Zeitscheibe des Gehwerks. Was bei modernen Uhren automatisch geschieht, verlangt hier Wissen um das Zusammenspiel der Teile und ein Gespür für die Technik.

Besonders anschaulich sind die Zähne am sogenannten Ankerrad, die gemeinsam mit dem Pendel den Takt des Uhrwerks bestimmen. „Die Zähne der Zeit“ nennt Friederich sie scherzhaft. Ein schönes Bild für eine Mechanik, die seit 126 Jahren ihren Dienst versieht – und die nur weiterläuft, weil jemand sich um sie kümmert.

Als der Sonntagmorgen übers Cadenberger Land kam, war die Uhrzeit richtig eingestellt. Eine Stunde haben auch die Menschen in St. Nico­lai durch die Umstellung gewonnen. Hinter dieser geschenkten Stunde steckt allerdings noch ein wenig mehr: ein alter Turm, ein historisches Uhrwerk und ein pensionierter Ingenieur, der auch im Ruhestand die Zahnräder nicht stillstehen lässt.