„Ich habe das Gefühl, dass alles genau so sein soll“, sagt Tileman Wiarda und blickt zufrieden in den Garten – der 50-Jährige schlägt im Kirchenkreis mit seiner Familie ein neues Kapitel des gemeinsamen Lebens auf Foto: Schoener

AM DOBROCK re ∙ Tileman Wiarda, seine Frau Ruth und die Kinder haben in diesen Tagen viel zu tun. In ihrem neuen Zuhause hängen sie Bilder auf, räumen die Schränke ein, sortieren Bücher. Nach vielen Jahren in Jüterbog, im Süden Brandenburgs, beginnt für den 50-Jährigen nun ein neues Kapitel. „Ich habe das Gefühl, dass alles genau so sein soll“, meint er vielsagend, während sein Blick zufrieden über den Garten des gemieteten Hauses in Otterndorf schweift.
Tilemann Wiarda ist der neuen Pfarrer für die Kirchengemeinden Belum, Neuhaus, Geversdorf und Oberndorf. Eingeführt in sein neues Amt wird er am Sonntag, 14. September, um 15 Uhr in der Emmaus-Kirche in Neuhaus. Die Einführung übernimmt Superintendentin Kerstin Tiemann.

Dass Wiarda in den Kirchenkreis Cuxhaven-Hadeln und damit an die Küs­te wollte, ist kein Zufall. Schon als Kind verbrachte er Zeit im ostfriesischen Aurich. Das Meer, die salzige Luft, die Weite des Himmels – all das prägte ihn. „Diese Wurzeln sind mir in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden“, erzählt er, während die Kinder ihre ersten Schulbücher in der Stadt abholen und interessiert die neue Umgebung erkunden.

In den Sommern arbeitete Wiarda als Urlaubspfarrer in Dänemark. Begegnungen mit Menschen aus ganz Deutschland, die ihre Sorgen, Hoffnungen und Geschichten teilten, ließen in ihm den Wunsch reifen: Der Norden könnte nicht nur ein Traum sein, sondern eine zweite Heimat.

In Jüterbog arbeitete Tileman Wiarda maßgeblich an der Gründung einer Gesamtkirchengemeinde. Es war ein anstrengender, aber lohnender Prozess. „Jede und jeder konnte seine Begabungen einbringen“, erinnert er sich.

Diese Haltung möchte er auch in seine neue Aufgabe einbringen: „Kirche ist für mich keine starre Institution, sondern eine lebendige Gemeinschaft. Unterschiedlichkeit ist kein Problem, sondern Bereicherung.“

Sein Herz schlägt besonders für die Arbeit mit jungen Menschen. Theaterprojekte, Chöre, Konzerte für Menschen mit Demenz – all das hat ihn geprägt. „Zentrum bleibt für mich immer der Gottesdienst – vom klassischen Gottesdienst bis zu neuen, modernen Formen, die Menschen heute ansprechen.“

Die letzten Jahre in Jüterbog waren nicht leicht. Politische Spannungen machten seine Arbeit – neben all den schönen Momenten – oft schwer. „Als kleiner Pastor war ich für manche im Rathaus ein großes Feindbild“, erzählt er und schüttelt unverständig den Kopf. Doch diese Zeiten sind vorbei. „Alle Kämpfe sind gefochten.“
Jetzt will Wiarda aufatmen. Als „Küstenkind“ freut er sich auf den Neuanfang im Norden: auf Seelsorge, Verkündigung, Volkskirche – und auf ein Stück Heimkehr. „Der Wind am Meer macht den Kopf frei“, sagt er. Einfach am Strand stehen, die Weite genießen – für ihn und seine Frau sei das immer schon etwas ganz Besonders gewesen.

Tileman Wiarda denkt viel über die Zukunft von Kirche nach. Sinkende Mitgliederzahlen und Finanzmittel, mögliche Schließungen von Gemeindehäusern, Verkauf von kircheneigenen Immobilien – das sind Herausforderungen, denen er in der Gesamtkirchengemeinde Am Dobrock kreativ begegnen möchte. Gemeinsam mit seinen Kollegen will er dabei Ängste nehmen, neue Ideen entwickeln und Türen öffnen. „Wir müssen wieder lernen, nicht nur in finanziellen Maßstäben zu denken. Erst sollten wir überlegen, was wir wollen – und dann sehen, welche Räume wir wirklich brauchen.“

In der Tradition von Theologe Dietrich Bonhoeffer, der Kirche als Ort des Miteinanders, der Hilfe und des Zusammenlebens verstand, will Wiarda eine Gemeinschaft schaffen, in der Menschen einander Halt geben, notwendige Abschiede in allen Facetten begleiten und Raum für Trauer haben – und vor allem zusammenleben.
„Kirche ist das Lachen eines Kindes im Gemeindesaal, das Gespräch mit einer älteren Frau, die Umarmung eines Trauernden“, sagt Wiarda. „Es geht nicht um Steine, es geht um Menschen.“