Rabbiner Jona Simon erklärte auch, wie die Grabsteine auf jüdischen Friedhöfen beschriftet sind   Fotos: tw

CUXHAVEN tw ∙ Eigentlich müssen Männer beim Besuch eines jüdischen Friedhofs eine Kopfbedeckung tragen. Und so hatten am vergangenen Sonntag beim Besuch der Begräbnisstätte im Brockes­wald einige schon einen Hut oder ein Käppi auf. Und Rabbiner Jona Simon vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden Niedersachsen hatte auch ein paar Kippas zum Verteilen dabei. „Aber keine Sorge. Auch wenn Sie keine Kopfbedeckung tragen – so schnell wird sie nicht der Blitz treffen, wenigs­tens nicht in der nächs­ten Stunde laut Wetterbericht“, sagte er und nahm so schnell mit Humor möglicher Schwellenangst den Wind aus den Segeln.

Eingeladen hatte die Regionale Arbeitsgruppe des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“. „Eigentlich sollte es eine vereinsinterne Veranstaltung sein“, so der AG-Sprecher Rüdiger Pawloswski. Doch dann fragten sie sich „warum eigentlich“. Und das öffentliche Interesse gab ihnen Recht. Über 50 Interessierte waren gekommen, um mehr über den Friedhof, aber auch über jüdische Bestattungsrituale zu erfahren.

Die Begräbnisstätte liegt versteckt. Es ist ein Areal von etwa 20 mal 20 Metern mitten im Brockes­wald, umschlossen von einem Jägerzaun. Hier sind noch um die 60 Grabsteine zu sehen, die zwischen dem Anfang des 19. und dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts aufgestellt wurden.

Angelegt wurde der Friedhof bereits um 1760, ein paar Jahre nachdem sich die ersten Juden in Cuxhaven niederließen. Er liegt an der Stelle, an der im Jahr 1754 die einjährige Tochter von Nathan Abraham begraben liegt. Auf die Frage, wo er sein Mädchen begraben könne, wurde ihm das Grundstück im Brockeswald zugewiesen, der kurz zuvor angelegt wurde. „Man nahm das Land, mit der schlechtesten Qualität, weil jüdische Friedhöfe für die Ewigkeit angelegt sind“, so Simon. Und auch wenn man es kaum glauben mag, auch heute würden noch die absurdesten Grundstücke für Jüdische Friedhöfe vorgeschlagen, wie etwa das einer ehemaligen Tierkörperverwertungsanstalt.

Rabbi Jona Simon betreut im Auftrag des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen rund 220 pflegeverwaiste jüdische Friedhöfe in Niedersachsen. Insgesamt sind es jedoch rund 300. „Doch 70 sind nicht mehr zu sehen. Sie liegen unter Tankstellen, Möbelhäusern oder Bushaltestellen“, erklärte er. Und obwohl überbaut, blieben es jüdische Friedhöfe, denn sie würden gelten „bis der Messias kommt“. Ein Satz, auf den er oft auch das Gegenwort erhält, „aber der war doch schon da – Jesus“. Worauf er mit Friedrich Schorlemmer antwortet, dass es keinen Grund zum Streiten gibt. „Entweder sagt der Messias, schön euch zu sehen oder schön euch wiederzusehen, dann wissen wir es.“

Bis ins 19. Jahrhundert wurden die Grabsteine nur hebräisch beschriftet, beginnen würden sie immer mit der Einleitungsformel „Hier liegt begraben“ und endeten mit dem Segensspruch „Ihre Seele sei eingebunden in das Bündel des Lebens“ übersetzte er die Inschriften. Später wurde auf die Rückseite der Grabsteine auch die deutsche Version geschrieben, „denn hebräisch war nicht die Sprache, die jeder sprach“. Zu sehen sind jedoch weit weniger Grabsteine als Menschen hier beerdigt sind, erfuhren die Teilnehmer. Vor allem zur Nazizeit, aber auch danach, seien viele verschwunden.

Auf dem Friedhof fallen zudem zwei beschädigte Grabsteine auf; einer aus dem Jahr 1833, unter dem der Großvater von Emil Berliner liegt, der in den USA das Grammophon erfunden hat. Beschädigt wurden sie – ebenso wie ein Teil des Jägerzauns – durch einen umgestürzten Baum aus dem den Friedhof umgebenden Brockeswald, der zu den Niedersächsischen Landesforsten gehört. Die Forstverwaltung sah sich aber nicht zuständig, erzählte Rabbi Simon. Hilfe kam von Seiten der BBS Cuxhaven. „Die Holzklasse baut einen Zaun für die Lücke“, sagte er. Eine positive Nachricht am Ende eines ernsten Themas, dass Rabbiner Jona Simon immer wieder mit Humor auflockerte.

Nur eines passte nicht zur positiven Stimmung des Tages – der Polizeiwagen vor dem Friedhof. Denn leider gehört es heute fast schon zur Selbstverständlichkeit, dass zum Schutz einer Veranstaltung mit jüdischem Bezug eine Polizeistreife vor Ort ist.